Im Gärtnerviertel
Prof. Dr. Wilfried Krings von der Universität Bamberg (Historische Geographie) zeigt Schülern bei der Begehung des Gärtnerviertels einen wesentlichen Teil der Weltkulturerbestadt Bamberg.
Prof. Krings führt Schüler durch das Gärtnerviertel.
Prof. Krings gibt im Schatten eines Holunders Erklärungen zur Entwicklung des Gärtnerviertels.
Am 24.06.2003 trafen sich die Teilnehmer des Wahlkurses "Natur & Technik", um zusammen mit Prof. Dr. Wilfried Krings von der Universität Bamberg (Historische Geographie) Neues über das alte Bamberg zu erfahren. Gegen 14.00 Uhr kam die Gruppe von Fünft- und Sechstklässlern mit ihren Lehrern Annette Glück-Schmidt und Herrn Först an der Kettenbrücke an. Hier zeigte Prof. Krings der wissbegierigen Gruppe anhand einer Touristeninformationskarte von Bamberg die Grenzen des mittelalterlichen Bamberg.
Gärtnerstadt: Exkursion
Das Zentrum des Gärtnerviertels ("Untere Gärtnerei") liegt an der Mittel- und Heiliggrabstraße. Die Achse Siechenstraße-Untere/Obere Königstraße-Steinweg markiert eine uralte Handelsstraße. Das Gärtneranwesen Mittelstraße 34 beherbergt das Gärtner- und Häckermuseum.
Zunächst wanderten alle in die Königsstraße, die das Gebiet östlich der Inselstadt in Nord-Süd-Richtung durchzieht und über viele Jahrhunderte die Hauptverkehrs- und Handelsstraße Bambergs war. Da sie im Gegensatz zu anderen Straßen gepflastert war, wurde sie Steinweg genannt, bevor 1830 die Umbenennung in "Königstraße" erfolgte. Da es früher kaum Möglichkeiten gab, Lebensmittel für längere Zeit zu konservieren, fuhren ständig Handelskarren durch den "Steinweg", um die Bevölkerung stets mit frischer Ware zu versorgen.
Die Straße wurde von zwei Häusertypen geprägt, die man heute  noch erkennen kann:
   Zum einen gab es Wohnhäuser der Bevölkerung, die sich dadurch kenntlich machen, dass sie oft einen Innenhof und Nebengebäude aufwiesen. Das Hauptgebäude an der Straße bot Platz für Wohn-, Arbeits- und Stallungsräume, die Nebengebäude dienten ausschließlich als Lagerhaus für alle Arten von Waren.
   Zum anderen gab es auch noch sehr viele Gasthäuser, in denen die vielen Händler auf ihren langen Reisen übernachten konnten.
Alle diese Gebäude besaßen das markante Merkmal, dass sie mit großen Toren ausgestattet waren, sodass die Pferdewagen leicht zu den im Innenhof befindlichen Stallungen gebracht werden konnten.
Bamberg, Ausleger der Braugaststättespezial
Der Ausleger an der Brauereigaststätte Spezial (Obere Königstraße 10) kündet von der Zeit, als die Königstraße an der Handelsstraße Leipzig-Nürnberg lag und zahlreichen Durchreisenden Nahrung und Unterkunft bot. Auch hier, nicht nur im bekannteren Schlenkerla (Dominikanerstraße 6) wird das berühmte Rauchbier ausgeschenkt.
Von der Unteren Königstraße gelangt man über die Färbergasse in das Gärtnerviertel um die Mittel- und Heiliggrabstraße. Da die Strukturen einer alten Gärtnersiedlung hier noch in einzigartiger Weise erhalten sind, wurde die Gärtnerstadt (grobe Abgrenzung: zwischen Königstraße/Steinweg/Nürnberger Straße und der Bahnlinie) zu einem wesentlichen Bestandteil der Weltkulturerbestadt Bamberg erklärt.
Prof. Krings zeigte, dass der Niedergang des Gärtnerstandes durch niedrige Preise und ausländische Konkurrenz zu zahlreichen Veränderungen führt: Ehemalige Anbauflächen liegen brach, wurden zu Parkplätzen degradiert oder gar für den Neubau von Mietwohnungen zweckentfremdet; der Charakter des Gärtnerviertels droht dabei zu verschwinden.
Im Prinzip waren alle Häuser in diesem Viertel Gärtnerhäuser, was man leicht an den Gärten hinter den Häusern sehen kann. In diesen zogen die Gärtner hauptsächlich Gemüse, mit dem sie die Bamberger Bevölkerung versorgten, das sie aber auch großräumig bis nach Holland exportierten. Auch in anderen Städten gab es derartige Gärtnerviertel, die jedoch nicht mehr erhalten sind.
Nach genauerem Betrachten ist zu erkennen, dass an vielen Gebäuden Heiligenbildnisse angebracht sind. Dies gab häufig Aufschluss darüber, wie reich der Inhaber des Hauses hatte und welchen Beruf er ausübte.
Gärtnerviertel: Autos statt Gemüse
Das Gärtnerviertel ist in Gefahr, seine Identität zu verlieren: Hier wurde es zum Parkplatz umfunktioniert. Der Besitzer des Hauses hat aber in Gärtnertradition sein Haus mit einem religiösen Bildnis (hl. Sebastian) geschmückt.
Ferner erkannten die interessierten Schüler, dass viele Häuser kaum Fenster, dafür aber eine große Dacheinstiegsluke und dafür häufig sogar einen kleinen Kran besaßen. Der Grund für die fehlenden oder nur sehr wenigen Fenster war, dass die Straßen damals tagsüber sehr laut waren und man es aber selbst in seinem Haus möglichst ruhig haben wollte, und da massive Steinmauern den Schall von der Straße sehr viel besser abhalten als dünne Fenster aus Glas, besaßen die Häuser nur wenige kleine Fenster. Außerdem war die Angst der Anwohner vor Einbrechern sehr groß, da damals Polizei- und Sicherheitssysteme noch nicht in dem Maße wie heute im Einsatz waren. Und deshalb war es am naheliegendsten, den Dieben gar keine Einstiegsmöglichkeiten durch große Fenster zu geben.
Die große Dachluke und den Kran besaßen viele Häuser, weil die Leute damals ihre Güter hauptsächlich unter den Dächern ihrer Häuser lagerten. Da diese mit dem Pferdewagen kamen und oftmals sehr schwer waren, konnten sie nicht von Männern über die enge Treppe nach oben getragen werden, sondern mussten mit dem Lastenkran ins das obere Stockwerk transportiert werden.
Am großen Tor kann man noch heute ehemalige Gärtnerhäuser leicht identifizieren. Es ist das wesentliche Merkmal der Gärtnerhäuser. Es ermöglichte Gespannen den Zugang zu den Anbauflächen hinter dem Haus.
Mittelstraße 42, ein typisches Gärtnerhaus
Mittelstraße 42 - ein Anwesen mit den typischen Merkmalen eines Gärtnerhauses: fensterloses Dach in Biberschwanzeindeckung, Dachluke, eingeschossiger Bau mit großer Toreinfahrt
Zum Abschluss ihres Unterrichtsganges begaben sich die Schüler schließlich zu einem richtigen Bamberger Gärtner, der den Schülern  seine Arbeit ein wenig näher brachte: Gärtnermeister Heiner Neubauer bewirtschaftet eine Gärtnerei in der Heiliggrabstraße 32; das Anwesen wurde von seinen Vorfahren 1803 bei der Säkularisation des nahe gelegenen Heiliggrabklosters gekauft und befindet sich seitdem in Familienbesitz.
Gärtnermeister Heiner Neubauer
Gärtnermeister Heiner Neubauer erklärt den komplexen Vorgang der Veredlung von Gurkenpflanzen
Die von der großen Hitze ermatteten Schüler  - in der Schule hatte es Hitzefrei gegeben! - erhielten von Heiner Neubauer zunächst eine kleine Stärkung (Limonade und Karotten = "Gelbe Rüben"), bevor er ihnen demonstrierte, dass Gärtnerarbeit auch heute noch immer harte Handarbeit ist. An den Karottensamen, die er verteilte, machte er deutlich, dass zahlreiche Tätigkeiten notwendig sind, um aus dem Samen eine reiche Ernte zu erzielen. Vorbereitung des Bodens, Aussäen, Pikieren (Vereinzeln) von Sämlingen, Unkrautjäten, Düngen und Bewässern sind nur einige der Tätigkeiten, um eine Pflanze bis zur Erntereife heranzuziehen. Die Gurkenpflanzen, die Neubauer in einem großen Gewächshaus züchtet, müssen einzeln von Hand veredelt werden.
Prof. Krings demonstriert Gärtnererde.
Prof. Krings zeigt, dass die Bamberger Gärtnererde ein historisches Dokument darstellt.
Prof. Krings ließ die Schüler die Gärtnererde untersuchen. Dabei fiel auf, dass der sehr fruchtbare Boden sich wie schwarzer Sand anfühlt und glitzernde Splitter enthält. Tatsächlich war der Gärtnerboden ursprünglich sandfarben, doch erfüllten die Gärtner über Jahrhunderte hinweg die Funktion der städtischen Müllabfuhr: Der Abfall (hauptsächlich Fäkalien, Küchen- und Lebensmittelabfälle) wurde auf den gärtnerischen Anbauflächen verteilt und ergab bei der Verrottung einen fruchtbaren schwarzen Humus. Nicht verrottbare Abfälle wie die (glitzernden) Splitter zerbrochener Gläser oder irdener Gefäße blieben erhalten, so dass der Gärtnerboden dem mittelalterlichen Archäologen viel von der Lebensweise der Menschen zu erzählen hat.
2003 (c) Peter Neuner (10 b)
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